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Leseprobe "Wunderbare Wesen"

Der Axolotl

Das Aquarium der kleinen Wunder

Das Labor wirkte, als hätte jemand alle Farben der Welt ausgesperrt. Alle Wände in sterilem Weiß. Neonlicht, das keine Schatten warf. Das leise, unablässige Summen der Laborgeräte. Die Menschen, die hier arbeiteten, hasteten durch die Gänge, ihre Gesichter leer, ihre Gedanken offenbar woanders. Wenige Worte wurden gewechselt, ein „Hallo“ oder ein „Tu das, tu dies“. Niemand hielt inne, niemand blickte auf.

Dann kam ein neuer Hausmeister. Vinzenz hatte ein kleines Bäuchlein und immer ein Grinsen im Gesicht. In diesem Labor fiel er damit auf wie ein Sonnenfleck auf weißem Papier. Er hatte einen feinen Blick für Details. Schon nach wenigen Tagen bemerkte er, wie kalt diese Umgebung war, wie abweisend die Menschen wirkten. Da erinnerte er sich: Als Kind hatte er stundenlang vor dem Aquarium seines Vaters gesessen – Fische, Schnecken, wogende Wasserpflanzen. Es hatte noch immer dort gestanden, als Vinzenz längst erwachsen war. 

Eines Abends, als alle gegangen waren, brachte Vinzenz ein kleines Aquarium ins Gebäude. Er wählte einen Platz, an dem alle Mitarbeitenden vorbeikommen mussten, direkt neben dem Kaffeeautomaten. Mit geduldiger Sorgfalt richtete er es ein. Sanfter Sand bedeckte den Boden, schimmernde Steine funkelten wie kleine Juwelen, grüne Pflanzen wiegten sich im Wasser. Schließlich setzte er den Axolotl hinein. Die Kiemen leuchteten zart rosa, das kleine Maul schien zu lächeln. Sofort wirkte er, als gehöre er hierher.

Am nächsten Morgen war die Reaktion der Mitarbeitenden … nicht vorhanden. Einige warfen dem Aquarium einen flüchtigen Blick zu, die meisten ignorierten es völlig. Doch Vinzenz ließ sich nicht entmutigen. Er reinigte das Wasser gewissenhaft, fütterte den Axolotl regelmäßig und sorgte dafür, dass das kleine Biotop immer ordentlich aussah.

Mit der Zeit begannen sich die Dinge zu ändern. Zuerst bemerkte Vinzenz, dass die Mitarbeitenden hin und wieder kurz innehielten, wenn sie am Aquarium vorbeigingen. Manche blieben sogar stehen, um den Axolotl zu beobachten, wie er seine sanften Bewegungen durch das Wasser machte oder neugierig die Scheibe berührte.

Die Mitarbeitenden begannen zu lächeln. Ein flüchtiges, aber echtes Lächeln erschien, wenn sie das Tier ansahen. Eines Tages grüßte ihn ein Mitarbeiter. Es war ein einfaches „Guten Morgen“, aber es fühlte sich wie ein großer Sieg an.

Bald darauf bemerkte Vinzenz, dass sich auch die Büros veränderten. Auf den sterilen Schreibtischen tauchten plötzlich kleine Zimmerpflanzen auf. Kakteen, Farnwedel, sogar eine blühende Orchidee schmückten die Zimmer.

Vinzenz blieb oft noch einen Moment stehen, wenn er das Aquarium reinigte. Nicht aus Pflicht, sondern weil es gut tat. Manchmal fragte er sich, wie etwas so Kleines so viel verändern konnte. Ganz ohne Lärm, ganz ohne eigenes Zutun.

So schwamm der Axolotl weiter durch sein kleines, leuchtendes Reich, völlig ahnungslos, dass er eine ganze Welt um sich herum verändert hatte. 

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Der Kurzschnabel-Ameisenigel

Edda sucht ihr EI

Edda wachte auf und reckte ihren kurzen Schnabel in die warme Morgenluft. Irgendetwas fühlte sich seltsam an. Sie blinzelte. Sie schnupperte. Dann fiel es ihr ein: Ihr Ei! „Wo habe ich es nur hingelegt?“, murmelte sie besorgt.

„Ach, es ist bestimmt unter den großen Felsen!“ Eilig watschelte sie los. Zwischen Farnen und Gras entdeckte sie etwas Rundes, Glattes. Vorsichtig stupste sie es an. Es fühlte sich kühl an. Es roch nach Erde und Regen. Aber nicht nach ihrem Baby. „Oh nein, das ist ja bloß ein Kiesel“, seufzte sie und stapfte weiter.

Am Bach traf sie Wally, den Wombat, der gerade trank. „Du siehst ganz aufgeregt aus, Edda. Was ist passiert?“ 

„Mein Ei ist verschwunden! Ich kann es nirgends finden“, klagte Edda. Wally kratzte sich nachdenklich am Ohr. „Vielleicht ist es zwischen den Seerosen versteckt?“ Gemeinsam suchten sie das Ufer ab. Edda ertastete etwas Rundes zwischen den Pflanzen. Es fühlte sich rau wie Baumrinde an. Sie schnupperte daran. Der Duft von Eukalyptus stieg ihr in die Nase. „Das riecht lecker, aber es ist nur eine Samenkapsel“, sagte sie enttäuscht.

Im Eukalyptuswald begegnete sie Ella, der Echse, die träge auf einem warmen Stein lag. „Dein Ei ist weg? Vielleicht hast du es in dem hohlen Baum da drüben versteckt.“ 

Edda kroch hinein und ertastete mit dem Schnabel etwas Rundes, Weiches. Es gab leicht nach, roch süß und fruchtig … und ziemlich faulig. Sie leckte vorsichtig daran und verzog das Gesicht. „Pfui, das ist ja nur eine alte Mango!“, rief Edda. Sie schüttelte sich und kletterte wieder hinaus.

Nach all dem Suchen knurrte Eddas Magen so laut, dass die Vögel in den Bäumen aufflatterten. „Na gut, dann esse ich jetzt etwas“, seufzte sie. Da fiel ihr das geheime Vorratslager unter dem Baumstumpf ein. „Dort habe ich doch meine Lieblingsameisen versteckt!“ Eifrig begann sie zu graben. Schon bald stieg ihr ein kräftiger, würziger Geruch in die Nase … aber er war auch ein bisschen muffig. Sie tastete. Es war weich und matschig wie Brei. „Oh nein! Meine Ameisen sind verschimmelt!“ Edda ließ die Pfoten sinken. „Warum warte ich nur immer so lange mit dem Essen?“

Müde und traurig trottete Edda zurück zu ihrem Bau. Sie wollte sich gerade auf ihr weiches Moospolster legen, als ihr auffiel, wie warm und gemütlich sich ihr Bauch anfühlte. Verwundert schaute sie in ihre Bauchtasche. In diesem Moment knackte es leise – krack! – und ein winziges Köpfchen mit feinen Borsten kam zum Vorschein. Edda hielt den Atem an. „Mein Baby!“, flüsterte sie glücklich. Der kleine Ameisenigel piepste leise und kuschelte sich an sie. Edda lachte. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Da warst du also die ganze Zeit. Genau da, wo du hingehörst.“

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Obere